Verfasst von: 13thjoerg | September 19, 2010

Muss Leipzig wirklich sein Naturkundemuseum schließen? Eine Gegenargumentation.

UPDATE 18.10.2010: Inzwischen haben Leipziger Umweltverbände eine Webseite aufgesetzt um den Protest gegen die angekündigte Schliessung zu bündeln. Bitte tragt Euch dort als Unterstützer ein: http://www.lila-kuehe.net/

Leipzig fehlen 54 Millionen im kommenden Etat, also muss gespart werden. Aus dem Kulturdezernat kam jetzt entsprechend der Vorschlag das seit Jahren kaum unterstützte Naturkundemuseum zu schliessen. Was sagt man dazu als in Leipzig ansässige Kampagne, die sich der Aufklärung und Bildung zum Thema globales Artensterben verschrieben hat?

Um es kurz zusammenzufassen, ich halte die Schließung der einzigen städtischen naturwissenschaftlich/technischen Museumseinrichtung für einen Fehler. Statt der jahrelang angekündigten und dringend notwendigen Aufwertung des Hauses soll es jetzt lieber von der Bildfläche verschwinden? Oberbürgermeister Burkhard Jung sagte zwar angesichts des immensen Lochs im städtischen Etat, dass „es nur mit Entscheidungen gehen wird, wo wir uns von Einrichtungen trennen, um andere zu stärken“, aber wird dieser Schritt wirklich eine Stärkung für Leipzig bringen? Eine Halbmillionenstadt sollte nicht gerade zuerst auf sein Naturkundemuseum verzichten müssen. Wo soll der Nachwuchs der Leipziger Region künftig für Naturwissenschaften interessiert werden? Wo soll künftig die Arbeit einer Vielzahl von Leipziger Vereinen im naturwissenschaftlichen Bereich gebündelt werden? Selbst für Quervernetzungen zwischen anderen kulturellen Einrichtungen ist eine solche Institution wichtig, nicht zuletzt auch für künstlerische Inspirationen, man denke an die Arbeiten des Leipzigers Edgar Leciejewski oder der LVZ-Kunstpreisträgerin Claudia Angelmeier.

Bei allem Verständnis für die überregionale Ausstrahlung Leipzigs als Musik, Kunst und/oder Theaterstadt, für eine Stadt dieser Größenordnung wäre diese  Lücke nicht tragbar. Nicht das die Klage Leipzigs, zu wenig bei der naturwissenschaftlich-technischen Förderung des Landes bedacht zu werden, in Zukunft noch  zahnloser erscheint. Immerhin zwei der fünf durch Leipzig ausgewiesenen Wirtschaftscluster mit Zukunftspotenzialen setzen naturwissenschaftlich motivierten  Nachwuchs voraus, der Life Sciences Cluster und der Energie und Umwelt Cluster.

Als Außenstehende fehlt uns sicher der Einblick fundierte Gegenvorschläge zu einer finanziellen Lösung im Kultursektor zu bringen, aber als Außenstehender  darf man vielleicht dennoch Vorschläge machen, gerade solche die einem als Mitarbeiter im selben Haus nicht in den Sinn kommen würden. Wenn schon  Einsparungen nicht vermeidbar sind und auch nicht am Naturkundemuseum ausbleiben können, so sollte man wenigstens prüfen ob dies bei Erhalt der  Zugänglichkeit des Museums machbar ist. Das im kommenden Jahr gerade einmal 92.000 EURO eingespart werden sollen und selbst in 3 Jahren noch fast die Hälfte  der Unterhaltskosten des Hauses bestehen bleiben, muss die Frage aufwerfen ob es nicht sinnvoller ist dennoch eine teilweise Öffnung des Hauses beibehalten zu  können. Nur ein paar kleine Sonderausstellungen machen zu dürfen dient kaum seinen Aufgaben, Sonderausstellungen zielen ja meist mehr auf das Erreichen von  Gelegenheitsbesuchern denn auf Schulklassen oder die dem Museum verbundenen Bürger.

Gegenvorschläge:
– wenn es unumgänglich ist Personal einzusparen, dann macht es vlt. Sinn die Öffnungszeiten auf die Wochentage zu reduzieren, die erfahrungsgemäß am meisten  Andrang bringen, so bleibt Schulklassen der Zugang möglich
– sollten es die konservatorischen Ansprüche in den Räumen zulassen, könnte man das Haus saisonal einige Monate schliessen und Energiekosten sparen
– um die Arbeit des Hauses bei reduziertem Personal tragen zu können, wären vlt. Wege der Zusammenarbeit mit anderen Häusern denkbar – möglich wären die  naturkundlichen Sammlungen in Halle, die Universität Leipzig, die staatlichen sächsischen Sammlungen in Dresden und Görlitz, das Phyllodrom in Leipzig, das  Schulbiologiezentrum Leipzig, Wildpark und Zoo Leipzig, das Museum für Naturkunde Dessau, das Mauitianum Altenburg (letzteres allein nennt auf seinen  Webseiten über 20 Mitarbeiter, darunter Gastwissenschaftler der Uni Leipzig)
– evtl. lassen sich Verwaltungskosten verringern wenn eine Zusammenlegung mit einer der genannten Leipziger Einrichtungen möglich ist
– oder im eigenen Hause des Kulturdezernats unterstellt man das Naturkundemuseum temporär dem stadtgeschichtlichen Museum und schafft so über einige Jahre  Einsparungen im Betrieb des Hauses bis sich die Situation ändert und eine Neuausstattung des Hauses wieder möglich ist

Sicher sind auch das keine populären Vorschläge, sie sollten lediglich darauf zielen, dem Haus seine weitere Arbeit bei Zugänglichkeit der Ausstellungen zu  ermöglichen.

Richtig ist sicher, dass das Haus in punkto Aufmachung, Präsentation und Aktualität nicht mehr zeitgemäß ist. Selbst der Vergleich zu anderen mitteldeutschen  naturwissenschaftlichen Museen in Erfurt, Görlitz oder Gotha fällt da eher ernüchternd aus, ganz zu schweigen von wissenschaftlichen Museumshighlights wie  dem Hygiene-Museum in Dresden. Richtig ist auch, dass dem Haus seit Jahren die nötigen Mittel fehlen, dies zu ändern. Und es stimmt natürlich, das Leipzig  die Mittel fehlen, daran jetzt etwas zu ändern. Stimmt es, dass die Hauptlast der derzeitigen Einsparungen vom Freistaat aufgebürdet wurden, so ist es nur  richtig dem Land jetzt auch mal klar zu machen, wo seine Art der Finanzpolitik hinführt.

Dennoch sollte der Stadt Leipzig bewusst sein, dass sie nicht einfach ihr einziges naturwissenschaftliches Museum dem Publikumsverkehr entziehen kann. Gibt  es inhaltliche Defizite, so kann vielleicht das Naturkundemuseum selber die Zusammenarbeit mit ergänzenden Einrichtungen in der Stadt oder im Umfeld (Halle,  Chemnitz, Dresden) verstärken und so den Leipziger Schülern vermittelnd helfen. Hauptziel sollte es natürlich bleiben, dass sich das Leipziger Naturkundemuseum eines Tages selber wieder zeitgemäß präsentieren kann. Bis zu seinem 100. Geburtstag im Jahr 2012 wird das ja leider utopisch bleiben. Wenn es den denn überhaupt öffentlich begehen kann.

Grundsätzlich sollte Kulturdezernent Michael Faber aber klarstellen, was er sich vorstellt wenn er verkündet mit zwei anderen Häusern über die Aufteilung und Übernahme der Sammlung des Hauses zu sprechen. Welche Häuser meint er? Bleibt die Sammlung damit komplett erhalten, wird sie weiter betreut und fortgeführt? Bleibt sie überhaupt in Leipzig und im Zugriffsbereich der Stadt?

Jörg Dietrich

Hi, habe bereits mit unterschrieben, finde meinen Namen aber noch nicht in der Liste. Gerne könnt Ihr diesen Kommentar bei meiner Unterschrift dazupacken:

Die Stadt Leipzig kann sich nicht so einfach Ihrer Verantwortung entledigen.
Für eine Stadt mit einem Einzugsgebiet von mindestens einer Million Einwohnern braucht es ein Naturkundemuseum. Dies ist sie der naturwissenschaftlichen Bildung in der Stadt genauso schuldig, wie eine musikalisch, künstlerische Prägung in anderen Häusern. Und sie ist es natürlich auch den aufopfernden naturwissenschaftlichen Sammlern schuldig, die hier eine der größten naturwissenschaftlichen Sammlungen Deutschlands zusammengetragen haben.
Wenn man diese zusammenhängende Sammlung jetzt leichtfertig riskiert oder aufgibt wird man diesen Schaden später nicht mehr reparieren können. Da gibt es, so hart das klingt, andere Möglichkeiten für temporäre Lösungen, die später leichter wieder zu korrigieren sein sollten.
Team der XTINCT-Kampagne, Leipzig.

grüße,
Jörg Dietrich

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Responses

  1. Ich möchte hier mal auf die Sparvorschläge eingehen die in dem Beitrag gemacht wurden und das als „gelernter“ Museologe.

    Vorher jedoch noch ein paar Ausführungen. Das Naturkundemuseum ist seit der Wende das oder zumindest eins der Stiefkinder der Leipziger Museumslandschaft, dazu kommt das zu DDR Zeiten mit einem Stapel Bretter und ein paar Glasscheiben und natürlich den Ausstellungsobjekten mit einfachsten Mitteln Ausstellung gemacht wurde. Der Etat war also schon immer niedrig und mit den bisherigen Einsparungen (von ehemals 30 auf zur Zeit 8 Mitarbeiter) und den zusätzlichen Mittelkürzungen sind Veränderungen in der Dauerausstellung schon seit längerer Zeit nicht mehr möglich. Auch hinter den Kulissen gibt es einen großen Investitionsstau, es gibt Schäden an Präparaten infolge langjähriger nicht idealer Aufbewahrung.

    nun zu den Vorschlägen

    Gegenvorschläge:
    Öffnungszeiten auf die Wochentage zu reduzieren – das bringt pro Tag 2 bis 3 Stellen die aber sowiso von einer Fremdfirma betrieben werden, die mittlerweile von Familien recht gut besuchten Wochenenden würden wegfallen. Aus meiner Sicht eher kontraproduktiv

    – sollten es die konservatorischen Ansprüche in den Räumen zulassen, könnte man das Haus saisonal einige Monate schliessen und Energiekosten sparen

    die konservatorischen Ansprüche lassen das leider nicht zu.

    – um die Arbeit des Hauses bei reduziertem Personal tragen zu können, wären vlt. Wege der Zusammenarbeit mit anderen Häusern denkbar – möglich wären die naturkundlichen Sammlungen in Halle, die Universität Leipzig, die staatlichen sächsischen Sammlungen in Dresden und Görlitz, das Phyllodrom in Leipzig, das Schulbiologiezentrum Leipzig, Wildpark und Zoo Leipzig, das Museum für Naturkunde Dessau, das Mauitianum Altenburg

    die genannten Einrichtungen haben dafür sicher keine freien Kapazitäten, da Museen, vor allem Naturkundemuseen personell immer unterbesetzt sind, das gleiche gilt für die Sammlungen der Universitäten. Schulbiologiezentrum, Zoo und Wildpark haben andere Schwerpunkte und sind daher personell und fachlich nicht in der Lage naturkundliche Sammlungen ausreichend zu betreuen. Das Phyllodrom hat ebenfalls mit sich selbst genug zu tun und meine Begeisterung dafür, das die Arbeit professionellen Sammlungsbetreuern in die Hände von freiwilligen Laien zu legen, will mir angesichts der Tatsache das die Stadt Leipzig das Museum in einer wirtschaftlich sehr schweren Zeit (Inflation 1924) übernommen hat und es sich nun in einer damit verglichen, relativ guten Zeit sich nicht mehr leisten will, nicht so recht gefallen.

    – evtl. lassen sich Verwaltungskosten verringern wenn eine Zusammenlegung mit einer der genannten Leipziger Einrichtungen möglich ist
    – oder im eigenen Hause des Kulturdezernats unterstellt man das Naturkundemuseum temporär dem stadtgeschichtlichen Museum…

    Die Verwaltung des Naturkundemuseums wurde vor einigen Jahren mit dem Stadtgeschichtlichen Museum zusammengelegt und später von der Stadtgeschichte „vereinnahmt“ seit dem wird das Naturkundemuseum vom Kulturamt direkt verwaltet, was im Betrieb des Hauses viele Nachteile hat und die Arbeit recht behindert.

    Zuguterletzt denke ich ist das Einsparpotential am Naturkundemuseum recht gering, daher ist es nicht nur mir unverständlich warum man genau hier sparen will. Ich halte es auch für eine Halbwahrheit wenn argumentiert wird, das kein Geld dafür da sei. Trotz offensichtlichen Sparzwängen in der Stadt, gibt es für verschiedene andere Projekte noch genug Geld. Es ist eine Frage des Willens und nicht der Not. Vor allem wenn man weis das eben zu früheren Zeiten, als Naturkunde und naturkundliche Bildung in der Gesellschaft einen höheren Stellenwert hatte, die Stadt das Leipziger Naturkundemuseum, damals vom Lehrerverein betrieben, vor dem sicheren Ende gerettet hat.

  2. Vielen Dank‘ für die Mühe und die ausführliche Stellungnahme! Ich stimme Ihnen zu, trotz der angespannten Finanzlage ist die Stadt nicht völlig handlungsunfähig und es ist daher auch eine Richtungsentscheidung ob Leipzig lieber auf naturkundliche Bildung verzichtet, als an anderer Stelle zu sparen.

    Gleichwohl habe ich dennoch den Eindruck, dass das Naturkundemuseum weniger stark innerhalb der Stadt vernetzt ist, als andere Häuser und das gerade eine stärkere Vernetzung in der Krise helfen könnte. Vlt. kann man umso mehr die aktuelle Situation und öffentliche Debatte nutzen, sich stärker zu vernetzen?

  3. Diese Vernetzung ist aus meiner Sicht nicht so einfach, weil wir eben kein Berliner Naturkundemuseum haben in dem sehr öffentlichkeitswirksam riesige Saurierskelette herumstehen. Die Werte des Naturkundemuseums sind eher auf dem zweiten Blick zu sehen, daher aber nicht minder wertvoll. Ich kann nur jeden Interessierten dazu einladen, sich zum Beispiel im Förderverein des Naturkundemuseums einzubringen. Ansonsten gibt es natürlich eine Vernetzung und diese reicht schon an die Universität, an andere Museen und ähnlich gelagerte Einrichtungen. Diese Vernetzung geht aber im Gegensatz zur Kunstszene nicht bis weit in die Wirtschaft. Und auch die oberen 10 000 treffen sich eben nicht im Schulungsraum des Naturkundemuseums, sonderen in der Oper.
    Was die eigentlichen Entscheidungsträger angeht, so hat man das Haus eben kaputtgespart, ob es nur Interessenlosigkeit war oder die pure Absicht, darüber möchte ich nicht spekulieren. Aber das ganze Vorgehen, mit der Teilschließung kann man auch so interpretieren das man das Haus von seinen Unterstützern, den Besuchern des Hauses trennen will, so das es in einigen Jahren, wenn es in Vergessenheit geraten ist, dann komplett schließen kann.
    Schon der Fakt, das mit anderen Häusern über eine Übernahme der Sammlungen verhandelt wird, so wie ich es im Internet lesen konnte, spricht eine eindeutige Sprache und ist an sich schon skandalös genug, das aus Interessenlosigkeit und fehlgeleitetem Sparwillen, von Leipziger Bürgern vergangener Jahrzehnte zusammengetragene unersetzliche Kulturgüter abgegeben werden sollen.

  4. Dem kann ich nichts hinzufügen, außer dass es umso wichtiger ist, jetzt alle Unterstützer zu mobilisieren.

    Die Verlautbarungen über eine Übernahme der Sammlung finde ich auch völlig unverständlich. Zumal aus denen überhaupt nicht hervorgeht, was das praktisch bedeuten soll. Sollte man tatsächlich die der Stadt anvertrauten Sammlungen aus der Stadt weggeben, wäre das auf jeden Fall ein Skandal.


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